Was braucht der Mensch zu seinem psychischen Gelingen? Was braucht die Gesellschaft für ein stabiles soziales Miteinander? In diesem kurzen Artikel aus dem Jahr 1956 spricht Fromm zunächst von spezifisch menschlichen Bedürfnissen. Diese können ganz unterschiedlich befriedigt werden und haben entsprechende Auswirkungen auf den Menschen. Es gibt bei Fromm zwar nicht mehr den Konflikt zwischen Triebanspruch und Kultur (wie bei Freud), dafür aber ganz häufig einen Konflikt zwischen dem, was den Menschen und was die Gesellschaft gelingen lässt.
Der Beitrag Humanismus und Psychoanalyse ist ein zentrales Dokument für das Verständnis von Psychoanalyse bei Erich Fromm. Entstanden 1963 aus der Festrede bei der Eröffnung des Frommschen Psychoanalytischen Instituts in Mexiko-Stadt, unterstreicht der Beitrag, wie sehr die Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten zum Gelingen von Mensch und Gesellschaft beizutragen vermag. Mit seinen Bezugnahmen auf den Humanismus der Renaissance und der Aufklärung lässt Fromm keinen Zweifel daran, dass sie eine wirkliche Humanwissenschaft ist, die den selbstbestimmten und von fremden Kräften befreiten Menschen zum Gegenstand und Ziel hat.
Wer das Besondere des Frommschen Verständnisses von Psychoanalyse in Theorie und Praxis kennen lernen will, findet hier eine hervorragende Zusammenfassung. Ende der Sechziger Jahre für ein nie vollendetes Werk geschrieben, zeigt Erich Fromm hier, wie sich sein sozial-psychoanalytischer Ansatz auf das Verständnis der psychischen Antriebe, des Unbewussten, der Verdrängung, der Übertragung, der Sexualität usw. auswirkt. Und er verdeutlicht, welche Auswirkungen eine solcherart revidierte - neu gesehene - Psychoanalyse auf die therapeutische Praxis hat. Erich Fromm hat sich zeitlebens zu den grundlegenden Erkenntnissen Freuds bekannt und sie mit seinen Revisionen zu aktualisieren versucht. Aus dem Inhalt . Aspekte einer revidierten Triebtheorie . Die Revision der Theorie des Unbewussten und der Verdrängung . Die Bindung an Idole und das Phänomen der Übertragung . Wirkfaktoren bei der Aufhebung der Verdrängung . Die Bedeutung von Gesellschaft, Sexualität und Körper in einer revidierten Psychoanalyse . Zur Revision der psychoanalytischen Therapie
Nirgendwo sonst schreibt Erich Fromm über sein eigenes Verständnis von Psychoanalyse so klar und deutlich wie in den Beiträgen dieses Bandes, die Ende der Sechziger Jahre entstanden sind. Geschrieben wurden sie für ein nie vollendetes größeres Werk, in dem Fromm seine humanistische und dialektische Revision der Psychoanalyse ausführlich zur Darstellung bringen wollte. Eindrücklich zeigt er, welche Bedeutung das gesellschaftliche Verdrängte für die Neubestimmung des Unbewussten hat. Auch enthalten die Beiträge wichtige Ausführungen über Fromms Ansichten zur therapeutischen Praxis, und hier spricht er erstmals von der transtherapeutischen Psychoanalyse. Jede Revision der Psychoanalyse muss sich insbesondere mit der Frage auseinandersetzen, welche Bedeutung die Sexualität für das psychische Geschehen hat. Dass der Sexualität bei der Entwicklung wichtiger psychischer Strebungen und Wünsche nicht die Rolle zukommt, die ihr Freud zumaß, hatte Fromm schon in den Dreißiger Jahren gezeigt. Welche Bedeutung hingegen die Gesellschaft hat, verdeutlicht Fromm vor allem an der sadistischen Perversion. Die Neuformulierung der psychoanalytischen Perversionenlehre führt ihn dabei ganz automatisch immer wieder zur Kritik an Herbert Marcuse. Wer sich über Fromms Neubestimmung der Psychoanalyse kundig machen will, findet in diesem Band eine gut verständliche und erhellende Zusammenfassung. Aus dem Inhalt . Über meinen psychoanalytischen Ansatz . Die Notwendigkeit der Revision der Psychoanalyse . Die dialektische Revision der Psychoanalyse . Sexualität und sexuelle Perversionen . Der angebliche Radikalismus von Herbert Marcuse
Bereits Ende der Zwanziger Jahre kam Erich Fromm mit den Forschungen von Johann Jakob Bachofen zu mutterrechtlich organisierten Gesellschaften in Berührung. Bachofen zeigte, dass der bis in unsere Zeit gültigen Vorherrschaft des Mannes eine ganz andere Art des Zusammenlebens vorausging. In mutterrechtlich organisierten Gesellschaften geht es nicht um Dominanzgehabe und Rivalität, sondern um mütterliche Qualitäten, um Fürsorge, Gleichberechtigung, Liebe und bedingungslosen Schutz für alle. Die Erkenntnisse Bachofens prägte das Denken Fromms nachhaltig: Sowohl seine Vorstellungen eines humanistischen Sozialismus oder einer am "Sein" orientierten Gesellschaft, als auch seine patriarchatskritischen Positionen in der Genderfrage sind von Bachofen geprägt. Der vorliegende Beitrag ,Bachofens Entdeckung des Mutterrechts' ist Mitte der Fünfziger Jahre entstanden und stellt eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Rezeption Bachofens durch Fromm dar.
Auch wenn 1969, als dieser Beitrag entstand, noch nicht vom "Kampf der Kulturen" und dem Kampf um die Vormachtstellung der westlich-abendländischen Kultur die Rede war, sondern eher die Vorstellung eines katastrophalen Endes der westlichen Gesellschaft und der gesamten Menschheit das Denken bestimmte, so steuert Erich Fromm mit diesem Beitrag doch wichtige Erkenntnisse zur Frage von Veränderung und Zukunft von Gesellschaften bei. Gesellschaften und Kulturen werden psychologisch durch die Orientierungen des Gesellschafts-Charakters zusammengehalten. Dabei begreift Fromm den das menschliche Verhalten disponierenden Charakter als eine systemische Größe. Eine dauerhafte Änderung des Verhaltens wird sich nur erreichen lassen, wenn es zu einer Veränderung des gesamten "Systems" kommt, das heißt, wenn sich die dem Verhalten zugrunde liegende Charakter-Orientierung ändert. Im Beitrag benennt Fromm Indikatoren für den Zerfall eines gesellschaftlichen Systems und fragt, "ob die westliche Gesellschaft noch die Vitalität hat, die notwendigen Änderungen des Systems vorzunehmen, um den Zerfall zu verhindern, oder ob wir die Kontrolle verloren haben und folglich auf eine Katastrophe zusteuern". Aus dem Inhalt . Die Eigenart von Systemen . Vom Zerfall gesellschaftlicher Systeme . Die Zukunft der gegenwärtigen technologischen Gesellschaft - Zerfall oder Reintegration?
Der kleine Beitrag "Die Aktualität der prophetischen Schriften" verdankt seine Entstehung einem Rundfunkvortrag für eine Sendereihe über die Bibel. Dass Fromm am Ende seines Lebens mit solchem Engagement von den Propheten sprechen konnte, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Propheten ihn von seiner Kindheit an faszinierten und bis zuletzt - trotz seines Bruchs mit der jüdischen Orthodoxie und Religionsgemeinschaft - als Vertreter eines radikalen religiösen Humanismus ansprachen. Die Propheten sind für Fromm das genaue Gegenteil der Religionsdiener, der Priester. Denn diese verwalten die Religion, anstatt die religiöse Erfahrung zu leben.
Es erweist sich nur zu oft als der seelischen Gesundheit des Menschen abträglich, was für das Funktionieren einer Wirtschaft und das gesellschaftliche Zusammenleben gut ist und deshalb von den meisten Menschen als normal und normativ angesehen wird. Dass das "Normale" etwas Pathologisches sein kann, gehört zu den Grundeinsichten Erich Fromms. Wer einer Autorität völlig hörig ist, findet es völlig normal, dass er keinen eigenen Willen spürt. Und neigt er doch zu Eigenwilligem, dann findet er es durchaus normal, von Schulgefühlen geplagt zu sein. In diesem Band geht es Fromm nicht um die Pathologie des Hörigen und Unterwürfigen, sondern um den sich frei fühlenden Menschen, der etwas aus sich macht und immer erfolgreich sein muss. Dieser Erfolgsmensch und Gewinnertyp findet es ganz normal, dass er kein Eigenleben mehr spürt und keinen Kontakt zu seinen eigenen Gefühlen und Antriebskräften mehr hat. Er ist sich seiner selbst fremd geworden, setzt auf Belebung und Konsum und fühlt ohne Animation nur Langeweile. Nirgendwo im Werk Erich Fromms wird das Problem der Pathologie der Normalität so anschaulich und überzeugend erörtert, wie in den vier Beiträgen dieses Bandes aus den nachgelassenen Schriften. Aus dem Inhalt . Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen (1953) . Zum Verständnis von seelischer Gesundheit (1962) . Humanistische Wissenschaft vom Menschen (1957) . Ist der Mensch von Natur aus faul? (1974)
Die Anwendung psychoanalytischer Einsichten auf das Gebiet der Strafjustiz hat Fromm nicht sehr lange beschäftigt, dafür jedoch umso intensiver. Der Beitrag "Der Staat als Erzieher. Zur Psychologie der Strafjustiz" dokumentiert das Interesse des dreißigjährigen Fromm - der eben seine psychoanalytische Ausbildung in Berlin abgeschlossen hatte - nach der sozialpsychologischen Bedeutung zu fragen, die das Strafen im Bereich der Justiz hat. Dass Fromm die Strafjustiz als nicht zweckmäßig beurteilt, hat in erster Linie mit ihrer gesellschaftlichen Funktion zu tun, autoritäre Verhältnisse aufrecht zu erhalten.
Erich Fromm und Herbert Marcuse, die ehemaligen Kollegen am Institut für Sozialforschung, gerieten Mitte der Fünfziger Jahre in einen heftigen Disput um das Verständnis von Psychoanalyse und deren Rolle bei der Veränderung von Gesellschaft. Als Marcuse sich als Kenner der Psychoanalyse in der 1968er-Bewegung zum Wortführer einer Gesellschaftsveränderung machte, griff Fromm noch einmal zur Feder und schrieb diese scharfe Kritik an Marcuse, die er aber nie veröffentlichte. Hier wird der 1969 entstandene Beitrag zugänglich gemacht.
Was wirkt eigentlich bei einer Psychotherapie? Diese Frage ist mittlerweile empirisch gut erforscht. Umso interessanter ist, was Erich Fromm auf Grund seiner eigenen therapeutischen Erfahrung vor mehr als 50 Jahren als Wirkfaktoren ausgemacht hat. Neben konstitutionellen Wirkfaktoren nennt er unter anderem den Leidensdruck, das Vorhandensein einer Vision von dem, "was jemand mit seinem Leben will", die Ernsthaftigkeit des Veränderungswunsches und die aktive Teilnahme des Patienten; nicht zuletzt aber ist auch die Persönlichkeit der Psychoanalytikerin und des Psychoanalytikers ein wichtiger Wirkfaktor. Der aus einem Vortrag von 1964 hervorgegangene Beitrag ist noch aus einem anderen Grund wichtig: Fromm unterscheidet in ihm zwischen einer gutartigen und einer bösartigen Neurose und zeigt deutlich die Grenzen der psychoanalytischen Behandlung auf. Vor allem enthält er - fast ein Unikum bei Fromm - ein erhellendes Fallbeispiel.
Fromms Kritik am Konsumismus des gegenwärtigen Menschen kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck wie in dieser "Überfluss und Überdruss in unserer Gesellschaft" genannten Serie von sechs Vorträgen, die er 1971 im Süddeutschen Rundfunk gehalten hat. Die Vorträge thematisieren bereits deutlich die Existenzweise des Habens, von der Fromm fünf Jahre später in "Haben oder Sein" spricht. Dass das Vorgetragene kaum etwas von seiner Aktualität eingebüßt hat, verraten bereits die Titel der Vorträge: Der passive Mensch - Die moderne Langeweile - Die produzierten Bedürfnisse - Die Krise der patriarchalen Ordnung - Das Fiasko der Religion - Wider die Grenzen des menschlichen Wachstums.
Dieser bereits 1937 geschriebene, aber bis 1992 verschollene Aufsatz kann als der für die Theorieentwicklung Fromms wichtigste Beitrag gelten. Nirgends sonst im Werk von Fromm lässt sich so gut nachvollziehen, wie Fromm dazu kam, die Psychoanalyse auf ein anderes theoretisches Fundament zu stellen und an die Stelle des triebtheoretischen ein bezogenheitstheoretisches Paradigma zu setzen. Hier zeigt er detailliert auf, wie sich die Erfordernisse des Wirtschaftens und des sozialen Zusammenlebens in den psychischen Strebungen der betreffenden Menschen widerspiegeln. Für jeden, der Fromms sozial-psychoanalytischen Ansatz kennen lernen will, ist dieser frühe Aufsatz ein "Muss". Aus dem Inhalt . Die Determiniertheit der psychischen Struktur durch die Gesellschaft . Der gesellschaftlich erzeugte Charakter . Die gesellschaftliche Funktion des sozial typischen Charakters . Die Neuformulierung der Triebtheorie auf Grund eines anderen Menschenbildes . Der sozial typische Charakter als Ausdruck der gesellschaftlich geprägten psychischen Struktur des Einzelnen
Das letzte große politische Engagement von Erich Fromm in den USA war 1968, als er sich aktiv im Wahlkampf für den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten Eugene McCarthy engagierte. Fromm hielt selbst Vorträge, betätigte sich aber auch mit sogenannten "Memos" als Ghostwriter für den Humanisten McCarthy. Das Memo für den "Versöhnungsbund" zeigt eine humanistische Programmatik, die heute aus Marketinggründen kaum noch vorstellbar wäre. Die "Fellowship of Reconciliation" hat sich die Einheit der Menschheit zum Ziel gesetzt und will "die Kraft der Liebe und der Wahrheit für die Lösung menschlicher Konflikte" erforschen.
In "Der Ungehorsam als ein psychologisches und ethisches Problem" stellt Fromm die Fähigkeit und Notwendigkeit zum Ungehorsam systematisch dar. Er verbindet dabei die Fähigkeit zum Ungehorsam mit seiner Lehre vom humanistischen Gewissen. Dieses legitimiert den Ungehorsam und stellt eine Gegenkraft zur autoritären Charakterorientierung dar, für die Gehorsam eine Haupttugend ist. Fromms Plädoyer für den Ungehorsam richtet sich aber nicht nur gegen alle Formen des Autoritarismus. Es geht darum, auch gegen das, was als gesunder Menschenverstand und als "völlig normal" gilt, ungehorsam zu sein und als common non-sense und eine "Pathologie der Normalität" anzusehen. Heute werden beispielweise die Selbstregulation des Marktes, der Wettbewerb, die Gewinnmaximierung, das endlose Wachstumsstreben oder technische Lösungen bei menschlichen Problemen als "völlig normal" angesehen. Diesem common non-sense gegenüber gilt es ungehorsam zu sein, um den Menschen und das individuelle und soziale Wohl-Sein wieder zum Maßstab des wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Handelns zu machen.
Erich Fromms sozialpsychologische Untersuchung über "Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches" ist etwas ganz Besonderes: Entstanden 1930 als Untersuchung des Instituts für Sozialforschung, stellt sie die erste empirische Untersuchung über den Unterschied zwischen politischem Bekenntnis und charakterlicher Einstellung dar. Die psychoanalytische Untersuchung richtete sich an sich links bekennende Probanden. Fromm wollte herausfinden, ob deren revolutionäre Meinungsbekundungen auch mit einer entsprechenden unbewussten Einstellung der Persönlichkeit übereinstimmt. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur bei 15 Prozent der Untersuchten stimmte die bewusste Meinung mit den unbewussten Einstellungen überein. Bei einem erheblichen Prozentsatz fand Fromm sogar eine autoritäre Grundstrebung. Bereits Mitte der Dreißiger Jahre verstand Fromm den Erfolg der Nationalsozialisten aus der zu geringen Widerstandskraft der deutschen Arbeiterschaft heraus, wie er sie in dieser Untersuchung ermittelt hatte. Noch in einer ganz anderen Hinsicht ist die Arbeiter- und Angestelltenerhebung von unschätzbarem Wert. Die genaue Erfassung der Antworten von Hunderten von Probanden gibt einen Einblick in die deutsche Gesellschaft um 1930, der einmalig ist: Welche Anschauungen die Menschen zu Fragen der Politik, der Kunst, des Geschmacks, der Moral, der Mode, der Genderfrage, der Erziehung usw. hatten, wie sie sich ihre Wohnungen einrichteten und welche Lektüre sie bevorzugten. Aus dem Inhalt - Ziele und Methoden der Untersuchung - Die soziale und politische Situation der Befragten - Auswertungen zum Beispiel zu Fragen wie: - Wer war nach Ihrer Meinung an der Inflation schuld? - Welche Menschen halten Sie für die größten Persönlichkeiten in der Geschichte? - Gefällt Ihnen die heutige Frauenmode? - Halten Sie es für richtig, dass die Frauen einen Beruf ausüben? - Glauben Sie, dass man bei der Erziehung der Kinder ganz ohne Prügel auskommt? - Wie stehen Sie zur Bestrafung der Abtreibung? - Wie würden Sie Ihr Geld anlegen, wenn Sie Vermögen hätten? - Persönlichkeitstypen und politische Haltungen - Autoritäre, radikale und rebellische Haltungen